Erfahrung seit 1983
Die
Schmerzklinik ist
nach § 40 SGB V von allen
gesetzlichen Krankenkassen als
Rehabilitationseinrichtung anerkannt und auch beihilfefähig.
NEUROPATHIE
Der Begriff
"Neuropathie" setzt sich aus den Wortteilen "Neuro" (einen Nerv betreffend) und "pathie" (Krankheit, Erkrankung) zusammen. Die Neuropathie beschreibt also einen krankhaften Nerven zustand.
Die Neuropathie ist ein Oberbegriff und kann zwei sehr verschiedene Erkrankungsarten betreffen:
Erkrankung aufgrund einer Nervenschädigung, also im Sinne einer somatischen (= körperlichen, zum Körper gehörenden bzw. diesen betreffenden) Krankheit, oder
die Nerven, das Nervensystem betreffend, als reizbare Schwäche (z.B. Nervosität, Neurasthenie, Neurose) mithin also im Sinne einer psychischen Erkrankung.
Letztgenannte Bedeutung ist aber mehr historisch zu sehen, viele benutzen dafür heute den Ausdruck "Nervenleiden".
Für die Schmerztherapie ist nur die Neuropathie im Sinne einer Nervenschädigung relevant.
Bevor wir in das Thema "Neuropathie" einsteigen, noch ein paar wichtige Vorbemerkungen zum besseren Verständnis.
Grundsätzlich können Schmerzen auf zwei verschiedene Arten zustande kommen:
Nozizeptorschmerz: Hierunter versteht man die Aufnahme einer körperlichen Störung oder Schädigung mit Hilfe eines Rezeptors und Weiterleitung als Schmerz reiz über das Nervensystem zum Gehirn. Ein Rezeptor ist eine Art „Empfangseinrichtung“ einer Zelle oder eines Organs bzw. Systems. Sie wird je nach der Art des zu registrierenden Reizes als z.B. Chemo-, Thermo-, Baro- (= den Blutdruck betreffender), akustischer oder taktiler (= den Tastsinn betreffender) Schmerz - Rezeptor bezeichnet.
Neuropathischer Schmerz (= Nervenschmerz infolge einer Neuropathie): Bei dieser Schmerzart ist das schmerz leitende System selbst gestört oder geschädigt, es liegt sozusagen ein „Ner veneigenschmerz“ bzw. eine Neuropathie vor.
Die
Neuropathie ist auf eine
Nervenschädigung zurückzuführen. Im eigentlichen Sinne wird der Begriff
"Neuropathie" aber bei degenerativen (=.
funktionelle Abweichungen von der Norm im Sinne einer Funktionsminderung)
, tox ischen (= durch Gift bedingt), metabol
ischen (=
stoffwechselbedingt) und ischämischen (=
infolge einer Durchblutungsstörung) Schädigungen
verwendet.
Der Vollständigkeit halber werden im Folgenden jedoch alle Krankheitsbilder
aufgeführt, die mit einem sog. neuropathischen
Schmerz (=
Nervenschmerzen
infolge einer
Neuropathie) einhergehen.
Ca. 40% aller Patienten in Schmerzambulanzen und Schmerzkliniken leiden unter neuropathischen Schmerzen (= Nervenschmerzen infolge einer Neuropathie) (Zenz 1987).
Eine Neuropathie bzw. ein neuropathischer Schmerz kann verschiedene Ursachen haben:
Nervendurchtrennung z.B. im Rahmen einer Amputation
Mechanisch schädigende Einwirkungen (Traumen) auf den Nerv
Metabol ische (= stoffwechselbedingte) Störungen oder Schädigungen von efferenten (= vom Zentrum zur Oberfläche leitende) Ner ven
Nervenstörung oder Nervenschädigung infolge einer Virusinfektion ((z.B. Herpes zoster (Gürtelrose))
Zentrale (= das Rücken mark / Gehirn betreffende) Störungen oder Schädigungen
Nachstehend werden entsprechend der aufgeführten Ursachen typische Krankheiten beschrieben und Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt.
ad1:
Eine
Nervendurchtrennung z.B. im Rahmen einer
Am
putation
(durch Operation
oder Unfall) kann zu
Phantomschmerzen
(= Schmerzempfindung in einem Körperteil, der gar nicht mehr vorhanden ist)
führen. Dieser
Ne
rvenschmerz
tritt meist unmittelbar nach der
Am
putation
auf.
Wir sehen jedoch immer wieder Fälle, bei denen sich ein
Phantomschmerz erst nach
Jahren, in Ausnahmefällen sogar erst nach Jahrzehnten, einstellten.
Die Angaben
zu Schmerzperiodizität und Schmerzqualität lassen kein einheitliches Muster
erkennen. Bei der Abfrage der Schmerzqualität dominieren Begriffe wie
"brennend", "schneidend" und "wie eingeklemmt". Überwiegend wird ein
attackenförmiger Schmerzverlauf angegeben, wobei die
Schmerzattacken minuten- bis
tagelang dauern können. Bei fast allen Patienten mit einem
Phantomschmerz liegt eine
klimatische Schmerzmodulation (=
Änderung des Schmerzzustandes) vor.
Bei
Amputationen im Bereich der
Beine
stellen sich in der Regel später auch
behandlungsbedürftige Beschwerden an kontralateralen
(= gegenüberliegenden)
Gelen ken und an der
Wir belsäule ein, bedingt durch unphysiologische (= unnatürliche)
Dauerbelastungen.
Besonders bei anfallsartigen, einschießenden Schmerzen sollten
zur Behandlung Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin oder
Pregabalin)
(= Mittel gegen das Anfallsleiden, aber auch
gegen
neuropathische Schmerzen wirksam) versucht werden. Hin und wieder ist auch ein Therapieversuch mit Baclofen (= Mittel zur Muskel
entspannung)
erfolgreich.
Unterstützend (selten als einzige Therapie ausreichend) haben sich
Antidepressiva
(= Mittel gegen Depressionen, aber auch bei
Nervenschmerzen hilfreich)
zur Schmerzdistanzierung
sehr bewährt. Wir bevorzugen Maprotilin und Doxepin.
Oftmals ist die
therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
in Form von häufig
wiederholten Ner ven- und Leitungsbetäubungen bei dieser
Neuropathie
-Form sehr hilfreich.
ad2:
Eine häufig
unterschätzte Komplikation der schweren peripheren arteriellen
Verschlusskrankheit (pAVK) stellt die ischämische Neuropathie dar. Bei
der klinischen Symptomatik treten motorische Defizite (= Muskel
schwäche) gegenüber Schmerzen und Sensibilitätsstörungen
zurück. Überwiegend handelt es sich um asymmetrische (=
ungleich verteilte), nur die
Beine
betreffende Manifestationstypen. Alle
Nerven
faserklassen sind betroffen. Neben einer ischämische n Neuropathie
findet sich häufig die Kombination mit der diabetische n Neuropathie,
gekennzeichnet durch klinische und neurophysiologische Unterschiede. Die
Therapie ist symptomatisch (= gegen die Krankheitszeichen
gerichtet), und die Prognose (= Vorhersage über wahrscheinlichen Verlauf
und Ausgang einer Krankheit) wird entscheidend von dem zugrunde
liegenden Gefäßleiden, aber auch von dem erhöhten kardialen (=
das Herz betreffende) Risiko dieser Patienten bestimmt. (mod.
n. Deutsches Ärzteblatt 97, Ausgabe 42)
Die diabetische
Mononeuropathie (= Neuropathie eines einzelnen
Nervs) führt zu Ausfällen im Bereich einzelner Hirnnerven
(Augenmuskel-, Facialisparese (= Lähmung des
Gesicht
s
nervs, dadurch
Lähmung der
Gesicht
s
muskeln)), aber nicht infolge von
metabol
ischen
(= stoffwechselbedingten)
Störungen oder Schädigungen, wie zu vermuten wäre, sondern durch
Mikroinfarzierungen (= winzige, höhergradige
Durchblutungsstörungen).
ad3:
Mechanische Schädigung:
Nach jeder
Nervenverletzung kann es zu
einer Kausalgie, neuerdings auch als
CRPS
Typ II (komplexes
regionales Schmerzsyndrom Typ II)bezeichnet,
kommen.
Das Krankheitsbild ist charakterisiert durch qualvolle, glühend-
brennende Schmerzen der betroffenen
Gliedmaße, auslösbar oder verstärkt
schon durch leiseste
Berührung
(Allodynie =
Berührungschmerzen)
((evtl. auch entfernter Körperstellen (Synästhesalg
ie)),
durch optische oder akustische Reize, Trockenheit (Xerosalg
ie), Wärme,
Affekte oder bloße Schmerzvorstellung (Sympsychalg
ie).
Meist bestehen
ferner
Störungen der Durchblutung u. der Hauttrophik
(= Ernährungs-/Wachstumszustand der Haut).
Die Schmerzausbreitung ist unabhängig vom Innervationsgebiet
(= Versorgungsgebiet eines
Nerven),
erfolgt evtl. auch auf die gegenseitige
Gliedmaßen
(Alloparalg
ie). Im
chronifizierten Stadium sind wiederholte Blockaden
(= Betäubungen)
des betroffenen
Nervs
mit einem langwirkenden Betäubungsmittel hilfreich,
optimal sind kontinuierliche Blockaden mit Katheter
(= eingepflanztem dünnen Kunststoffschlauch).
Letztgenannte Maßnahme sollte aber nur stationär (Schmerzklinik) durchgeführt
werden.
ad4:
Metabol ische
(=
stoffwechselbedingte) Störungen
oder Schädigungen verursachen den
Ner
venschmerz bei der
Polyneuropathie (=
Neuropathie mehrerer Ner ven). In der Praxis dominieren mit je einem Drittel der Fälle die
alkohol ische
und die diabet ische
Genese
(= Entstehung) (Neundörfer
1988).
In unklaren Fällen ist vor allem an exotoxische
(= von außen zugeführte Gifte betreffend)
Ursachen durch Medikamente (Vinca-Alkaloide, Nitrofurantoin u.a.m.) sowie
Gewerbegifte zu denken, daneben kommen endotoxische
(= Gifte die im Körper selbst entstehen)
(Porphyrie, Urämie) und evtl. infekt iöse
Ursachen (Borreliose,
Ehrlichiose
nach Zeckenbiß
bzw.
Zeckenstich) in Frage.
Die Patienten klagen über brennende
Dauerschmerz
en
im
Versorgungsgebiet peripherer (= mehr
oberflächlicher) Ner ven,
Parästhesien
(= Fehlempfindungen),
Hyperästhesien und
Hyperpathien
(= gesteigerte
Berührung
sempfindlichkeiten),
Druckschmerzhaftigkeit von
Nerven
und
Muskeln
sowie evtl. über motorische
(= die Muskel
funktion betreffende)
Reizerscheinungen (Cram pi) (Gerstenbrand et Rumpl
1988). Charakteristisch sind socken- bzw.
hand
schuhförmige Sensibilitätsstörungen
(= Störungen der Empfindlichkeit).
Die
Behandlung dieser
Neuropathie erfolgt in erster Linie kausal, also der
Ursache entsprechend: bei Diabetes mellitus Optimierung der Zuckereinstellung,
bei Pol y-Neuropathie (=
Neuropathie mehrerer Nerven) Verzicht auf „Nervengifte“ wie z.B. Alkohol.
Symptomatische (= auf die
Krankheitszeichen ausgerichtete) Therapie
dieser
Neuropathie bzw.
Polyneuropathie:
Thioctsäure (alpha-Liponsäure) führt zu einer Reaktivierung
des Multienzymkomplexes und möglicherweise zur Bindung diabet ischer Ketone.
Das Antidepressivum Duloxetin,
ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer, ist auch zur
Schmerztherapie bei einer d
iabetische nn
Neuropathie
zugelassen worden.
Neurotrope Vitamine (=
„Nervenvitamine“): Die mehr oder
weniger hochdosierte Verabreichung neurotroper Vitamine ist bei
Polyneuropathien
(= Neuropathie mehrerer Ner ven) allgemein üblich. Leider führt diese Therapiemaßnahme in den wenigsten Fällen zu
einer Verbesserung..
Gegen die Schmerzen bei einer Neuropathie Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die Fallsucht,
aber auch bei Neuropathie hilfreich). Als erste
Wahl gelten heute Gabapentin oder Pregabalin, als 2. Wahl Carbamazepin.
Analgetika (=
Schmerzmittel):
Pol yneuropathisch bedingte Ner venschmerzen sind in der Regel durch Schmerzmittel
nur schwerlich günstig zu beeinflussen. Am ehesten ist noch ein Effekt von
zentral wirksamen Analgetika (=
Schmerzmittel die im
Rücken
mark / Gehirn wirken)
zu erwarten. Aus diesem Grunde ist es nicht möglich, ein sicher wirksames
Medikament zu empfehlen.
Eine Kombination aus Metamizol und
Chinin soll relativ zuverlässig schmerzlindernd sein. Ein Gemisch aus Uridin-
und Dinatriumsalze (Keltican®) kann versucht werden.
Wiederholte e Nervenblockaden: Die wiederholte Blockierung (Betäubung) der korrespondierenden Nervenleitungen mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) hat sich bei Neuropathie sehr bewährt. Dabei kommt es neben der (erwünschten) Hemmung der Schmerzreizleitung gleichzeitig zu einer Blockade vegetativer (sympathischer) Faseranteile, woraus eine sehr deutliche Mehrdurchblutung im korrespondierenden Gewebebereich resultiert, die jedem entzündlich/degenerativen Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung z.B. bei Neuropathie nicht nur symptomatisch, sondern auch kurativ (= auf die Ursache ausgerichtet). Auch wirkt diese deutlich verbesserte Durchblutung dem gestörten Nervenzellstoffwechsel kausal (= ursächlich) entgegen.
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